(aus: Walter Markov/Albert Soboul: 1789 Die große Revolution der Franzosen. 480 S., Akademie-Verlag, Berlin 1977.)

KAPITEL VIII

Die Errichtung der revolutionär-demokratischen Jakobinerdiktatur

1. Jakobiner und Sansculotten

Kaum war die Gironde ausgeschaltet, sah sieh der jetzt von der Bergpartei geführte Konvent zwischen zwei Feuer genommen. Während die Konterrevolution aus einer "föderalistischen" Revolte neue Nahrung zog, verstärkten dieVolksmassen ihrerseits den Druck auf die Regierung. Das Problem der Montagne lag darin, ihn aufzufangen, ohne sich Verbündete zu entfremden und unter ihnen eine Reaktion hervorzurufen, aus der die geschlagene Rechte Vorteil oder Hoffnung ziehen konnte. Sehr darum bemüht, jenen Teil der Bourgeoisie um sich zu scharen, der sich im Konflikt mit der Gironde neutral verhalten hatte, wollte die Montagne Besitzende und Gemäßigte nicht erschrecken, sondern umwerben. Es fügte sich nicht zu ihren Absichten, jenes schroffe politische und soziale Programm, das die entschlossensten Volksmänner im Aufstandskomitee vom 31. Mai vorgebracht hatten, in seiner Gesamtheit zu verwirklichen; schon gar nicht gedachte sie der Anregung zu folgen, Neuwahlen auszuschreiben und in der Zwischenzeit Volksausschüssen die Regierung zu übertragen. Die Montagne bemühte sich im Gegenteil, erst einmal die Bourgeoisie zu besänftigen, indem sie den Terror verwarf, das Eigentum schützte und ein selbständiges Vorgehen der Sansculotten in Grenzen hielt, um ein Gleichgewicht zu erhalten, als dessen Schiedsrichter sie sich betrachtete. Es bedurfte eines anhaltenden Nachdrängens der Volksmassen, um dem Konvent die entscheidenden Maßnahmen des Sieges der Revolution nach innen und außen zu entreißen.

Bodenreform und "Jakobinerverfassung"

Im Verlauf des Monats Juni spielte die Montagne erkennbar auf Zeitgewinn. Einerseits veranlaßte Robespierre am achten den Konvent, sich der zwei Tage vorher von Barère und Danton vorgeschlagenen Auflösung der Revolutionskomitees "nach Erfüllung ihrer Aufgaben" zu widersetzen. Andererseits wurde das "gefährlichste" unter ihnen - das Aufstandskomitee im Bischofspalais zu einem "Pariser Wohlfahrtsausschuß" entschärft; die Revolutionsarmee kam nicht zustande, und die Diskussion über die Zwangsanleihe versandete vorerst. Saint-Justs Bericht über die verhafteten oder flüchtigen Girondeführer fiel maßvoll aus: "Die Freiheit wird keineswegs schrecklich sein gegen jene, die sie entwaffnete, sofern sie sich den Gesetzen unterwerfen." Es ging darum, die Departements bei der Stange zu halten, indem man ihnen Zusicherungen gab und die Furcht vor einer Herrschaft der Pariser Sansculotterie zerstreute.

Drei wichtige Gesetze taten bäuerlichen Forderungen Genüge. Das Gesetz vom 3. Juni über die Verkaufsbedingungen für Emigrantengüter ermöglichte deren Aufteilung in kleinste Parzellen, die auch arme Bauern erwerben konnten, da ihnen Ratenzahlung - in Assignaten natürlich - über zehn Jahre eingeräumt wurde. Das Gesetz vom 10. Juni über die Gemeindeländereien erlaubte auf Mehrheitsbeschluß der Dorfversammlung ihre Aufteilung entsprechend der Kopfzahl und bei Losziehung über die einzelnen Anteile. Am 17. Juli erhielt das Feudalregime seinen Todesstoß: Das Gesetz hob alle noch verbliebenen Feudalrechte entschädigungslos auf - auch solche, die auf einwandfreien Urkunden beruhten; diese waren zu vernichten. So verband sich der Sturz der Gironde für die Bauern mit ihrer endgültigen Befreiung vom Joch der Grundherrschaft.

Durch zügige Annahme einer Konstitution wollte sich der montagnardische Konvent vor der mißtrauischen Provinz vom Vorwurf der Diktatur reinigen. Die Verfassung von 1793 - am 24. Juni nach Anhörung ihres Textautors Hérault de Séchelles kurz diskutiert und beschlossen - hielt die wesentlichsten Grundzüge einer politischen Demokratie fest.

Die vorangestellte Erklärung der Menschen- und Bürgerrechte ging weiter als jene von 1789. Sie verkündete in Artikel Eins, daß "das Ziel der Gesellschaft das allgemeine Glück" sei, und bestätigte das Recht auf Arbeit, Unterstützung und Bildung: "Die Gesellschaft ist es den bedürftigen Bürgern schuldig, für ihren Lebensunterhalt zu sorgen, sei es, indem sie ihnen Arbeit beschafft, sei es, indem sie den Arbeitsunfähigen die Mittel für ihre Existenz gewährleistet" (Art. 21). "Bildung ist ein Bedürfnis aller; die Gesellschaft muß ihre ganze Kraft daran setzen, die Fortschritte der allgemeinen Vernunft zu begünstigen, und allen Bürgern Bildung zugänglich machen" (Art. 22). Schließlich erkannte die Erklärung von 1793 nicht nur - wie schon 1789 - das Widerstandsrecht gegen Unterdrückung an (Art. 33), sondern auch das Recht zum Aufstand: "Wenn die Regierung die Rechte des Volkes verletzt, ist der Aufstand für das Volk und für jeden Teil des Volkes die heiligste und unentbehrlichste aller Pflichten" (Art. 35).

Indessen war in Artikel 16 keine Rede mehr davon, die Definition des Eigentums so abzuändern, wie Robespierre am 24. April in der Verfassungsdebatte vorgeschlagen hatte. Es hieß nun einfach: "Das Recht auf Eigentum besteht darin, jedem Bürger zu gestatten, seinen ' Besitz und seine Einkünfte, die Früchte seiner Arbeit und seiner Tätigkeit nach Belieben zu genießen und darüber zu verfügen." Die Wirtschaftsfreiheit, worüber die Erklärung von 1789 nichts gesagt hatte, wurde in Artikel 17 aus drücklich bekräftigt: "Keine Art von Arbeit,. Anbau oder Handel kann der Tätigkeit der Bürger vorenthalten werden." Der Festlegung auf eine soziale Demokratie gingen die Montagnarden mithin aus dem Wege.

Die Verfassung war besorgt, die Vorherrschaft der Nationalversammlung sicherzustellen. Aus diesem Grunde lehnte sie die ursprünglich in Condorcets Entwurf vorgesehene Wahl in zwei Stufen ab. Nur eine Direktwahl durch das Volk gab die Gewähr für eine reibungslose Unterordnung der Exekutive unter die Legislative, der Beamten unter die Abgeordneten. Die gesetzgebende Nationalversammlung war jährlich in direkter allgemeiner Wahl durch die Männer über 25 Jahre in einem Wahlgang mit absoluter Mehrheit, der Vollzugsrat aus 24 Mitgliedern hingegen urch die Versammlung aus 83 von den Departements vorzuschlagenden Kandidaten zu wählen. Die Ausübung der nationalen Souveränität durch das Volk wurde durch die Einrichtung des Referendums erweitert, das schon Condorcet eingebaut hatte: Das Volk sollte die Verfassung - und unter bestimmten Bedingungen auch wichtige Gesetze - durch ein Plebiszit ratifizieren.

Einer solchen Bestätigung durch die Urwählerversammlungen unterworfen, wurde die Verfassung von 1793 - Symbol politischer Demokratie, für Republikaner der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts in ganz Europa - mit über 1.800.000 gegen etwa 17.000 Stimmen angenommen. Rund 100.000 Wähler stimmten ihr vorbehaltlich einiger Zusatzanträge von gemäßigter Tendenz zu. Die Ergebnisse der Volksabstimmung wurden am 10. August, dem Jahrestag des Sturzes der Monarchie, auf dem Fest der Einheit und Unteilbarkeit der Republik in Paris feierlich ver. kündet. Die Inkraftsetzung der Verfassung, deren in einer "heiligen Bundeslade" aus Zedernholz verwahrte Urkunde im Sitzungssaal des Konvents niedergelegt wurde, vertagte dieser jedoch - ausdrücklich am 10. Oktober - bis zur Wiederherstellung des Friedens.

Der Ansturm der bewaffneten Konterrevolution

Die versöhnliche Politik der Montagne konnte die Ausweitung des Bürgerkrieges nicht verhindern. In den Departements, in denen sie stark waren, erhoben sich die Parteigänger der Gironde und entzündeten eine "föderalistische" Revolte, während sich gleichzeitig die Kräfte der Vendée verdoppelten und die geschwächten Fronten an allen Grenzen unter Feinddruck nachgaben.

Die Föderalistenrevolte entsprang der "sektionären Bewegung" vom Monat Mai. Nachrichten vom Aufstand in Paris und der Ausschaltung der Girondins beschleunigten und erweiterten lediglich eine in Lyon, Marseille und Bordeaux bereits im Gange befindliche Rebellion. Die Girondeführer, denen die Flucht aus leichtem Hausarrest gelang, und jene unter den 75 Abgeordneten, die eine Protesterklärung gegen den 2. Juni unterschrieben hatten und sich mit ihnen vereinigten, brachten die Provinz zur Erhebung. In der Bretagne und Normandie, im Südosten und Süden, im Franche-Comté fielen die Departementsbehörden von Paris ab. Die Führer der sektionären Bewegung, zu Föderalisten umfrisiert, bildeten Komitees und Tribunale, um über Patrioten zu Gericht zu sitzen; sie schlossen Volksgesellschaften und versuchten Truppen auszuheben. Caen wurde zur Hauptstadt des girondistischen Nordwestens; Bordeaux, Nîmes, Marseille und Toulon fielen in die Hände der Aufständischen, die in Lyon schon am 29. Mai die Macht an sich gerissen hatten und dann Chalier am 17. Juli hinrichteten. Ende Juni befanden sich mehr als zwei Drittel der Departements in offenem Aufruhr gegen den Konvent. Jedoch trennte die royalistische Vendée räumlich einen girondistischen Nord- und Südwesten. Toulouse folgte Bordeaux nicht und verhinderte so eine Verbindung zwischen Aquitanien und Languedoc. Zwischen den provençalischen Süden und Lyon wiederum schob sich als unüberwindliche Barriere der Patriotenpartei das Departement Drôme unter dem Jakobiner Joseph Payan. Von ausnehmender Bedeutung war, daß die der Invasion ausgesetzten Grenzgebiete und die dort stationierten Hauptkräfte der Armee samt und sonders dem Konvent ergeben blieben.

Der Föderalismus war in höherem Maße sozial als politisch bestimmt. Sicher erklären ihn teilweise auch Überlebsel örtlicher Partikularismen, mehr aber die Solidarität von Klasseninteressen. Am 15. Mai schon hatte Chasset, Abgeordneter von Rhône-et-Loire, geschrieben: "Es geht um das Leben und um den Besitz"; nach dem 2. Juni eilte er nach dein aufständischen Lyon und stellte sich an die Spitze der "föderalistischen" Bewegung. Sie war in der Hauptsache das Werk der Bourgeoisie, die die Departementsverwaltungen in Händen hielt und nach dem Umsturz in Paris um ihr Eigentum bangte. Nicht überall, jedoch in den meisten Fällen fand sie bei den Parteigängern des Ancien régime Unterstützung. Die volksnäher zusammengesetzten Stadtund Gemeinderäte waren ihr eher abgeneigt. Handwerker und Arbeiter lehnten es zumeist ab, sich für die Reichen zu schlagen; die Bauern verhielten sich abwartend. So stießen die von den föderalistischen Departementsverwaltungen angeordneten Aufgebote auf Gleichgültigkeit oder sogar auf Feindseligkeit. Im übrigen differenzierten sich die Führer der Revolte schnell. Aufrichtige Republikaner unter den Anhängern der Gironde fanden sich schlecht damit ab, Royalisten zu folgen. Besorgt über die Invasion der feindlichen Heere und die Fortschritte des Aufstandes in der Vendée, zögerten sie beispielsweise in Nantes, das Spiel der Reaktion zu betreiben. Umgekehrt bemächtigten sich die Royalisten sehr bald der Leitung der Kampagne im Südosten und vor allem in Lyon, wo Graf Précy erreichte, daß der König von Sardinien einen Entlastungsvorstoß an der Alpenfront unternahm.

Kraftvoll organisierte der Konvent die Niederschlagung der Meuterei, wobei er danach trachtete, die Führer zu treffen und die Komparsen zu schonen. Die unmittelbarste Gefahr drohte von der Normandie, weil dort keine Truppen zum Schutz von Paris standen. Schon am 13. Juli lösten sich jedoch bei Pacy-sur-Eure beim Anblick von ein paar tausend Milizen, die die Pariser Sektionen selber zusammengetrommelt hatten, General Wimpffens Kolonnen, die meist aus "Herrensöhnchen" bestanden, ruhmlos auf; Buzot, Petion und Barbaroux flohen aus Caen über die Bretagne nach Bordeaux. Robert Lindet befriedete daraufhin die Normandie unter sehr geringem Einsatz von Zwangsmitteln. Das Franche-Comté und mehrere Departements Mittelfrankreichs unterwarfen sich kampflos, Bordeaux hingegen wurde erst am 18. September genommen.

Im Südosten fürchtete man zeitweilig die Vereinigung der Rebellen von Marseille und Nîmes mit Lyon. Da jedoch die Drôme standhielt, wurde Pont-Saint-Esprit den Nîmern wieder entrissen, der Vorstoß der Marseiller über die Durance aufgehalten; am 27. Juli nahm Carteaux Avignon und zog am 26. August in Marseille ein. Indessen öffneten am 29. die Royalisten den Kriegshafen Toulon den Engländern und händigten ihnen das französische Mittelmeergeschwader aus. Da sich auch Lyon hielt, mußte gegen diese beiden Städte zu langwierigen Belagerungen geschritten werden.

Die politischen Schlußfolgerungen aus der föderalistischen Revolte waren mit jenen aus der Vendée vergleichbar: Sie unterstrichen nachdrücklich die Notwendigkeit, die Zentralgewalt zu verstärken und Kontrollmaßnahmen der Volksorganisationen gegen Bürger, die der Feindseligkeit oder Laschheit verdächtig waren, zu verschärfen. Viele Girondisten hatten sich unbedenklich mit Royalisten gepaart, die ihrerseits mit den Landesfeinden verbündet waren. Da sie sich in sozialer Hinsicht auf die besitzenden Klassen gestützt hatten, gerieten diese ihrerseits zunehmend in den Verdacht der nationalen Unzuverlässigkeit. Mehr als je identifizierten sich Montagne, Jakobiner und Sansculotten mit der Republik.

Die Invasionsgefahr wurde nun auch wieder prekär. Seit seinem Eintritt in den Wohlfahrtsausschuß hatte Danton verhandelt, statt sich zu schlagen. Nachdem die Koalition jedoch Belgien und das linke Rheinufer zurückerobert hatte, besaß Frankreich keine Faustpfänder mehr, die es anbieten konnte. Vielleicht hatte Danton daran gedacht, sich der Königin und ihrer beiden Kinder als Kompensationsobjekte zu bedienen; die neue Verfassung indessen bestimmte in ihrem Artikel 121: Das französische Volk schließt mit keinem Feind Frieden, der sein Gebiet besetzt hält. Vor Dünkirchen traten Engländer, Hannoveraner und Holländer in den Feldzug ein. Die Österreicher schlossen mit umständlicher Systematik die Festungen des nördlichen Sperriegels ein, nahmen Condé am 10., Valenciennes am 28. Juli und zernierten Le Quesnoy und Maubeuge. Rhein- und Moselarmee mußten das abgeschnittene Mainz seinem Schicksal überlassen und hinter Lauter und Saar zurückgehen; Landau wurde eingeschlossen. An der Alpenfront erzielten die Piemontesen Vorteile gegen Kellermann, der Truppen zur Bekämpfung der Föderalisten abgeben mußte. Savoyen ging wieder verloren, die Pässe wurden mit Mühe gehalten. An der Pyrenäenfront drückten die Spanier auf Perpignan und Bayonne.

Überall befanden sich die Truppen der Republik mithin auf dem Rückzug, und die schlecht geführten Soldaten machten eine Krise durch. Das unsichere Kommando wechselte aus einer Hand in die andere; der Aristokrat Custine verachtete seinen Vorgesetzten, den "Sansculottenminister" Bouchotte, der nur Oberstleutnant war. Die größte Unordnung herrschte auf dein Kriegsschauplatz der Vendée; die Volksvertreter in Mission, statt die Generäle zu überwachen, zankten sich untereinander. Über den "Ehemaligen" Biron verstimmt, unterstützten einige die Sansculottengeneräle Ronsin und Rossignol, die jedoch ihrerseits von anderen denunziert wurden. Man lud die Verantwortung für die Rückschläge jeweils auf die rivalisierende Gruppe, und die Vendeer nutzten naturgemäß die Spaltung der Republikaner zu neuen Vorstößen. Nachdem sie am 9. Juni Saumur genommen hatten, vernichteten sie die Truppen der Republik am 18. Juli bei Vihiers und bedrohten nach der Einnahme von Ponts-de-Cé am 27. Angers.

Die Ermordung Marats am 13. Juli erhellte blitzartig die ganze Größe der Gefahr, in der die Republik schwebte. Offen und inmitten des revolutionären Paris hatte die junge Charlotte Corday aus der Normandie den Volksfreund, in dem sie ein Haupt der Revolution treffen wollte, erdolchen können. Marat war unter den Sansculotten, an deren schwerem Los er aus tiefer menschlicher Güte Anteil nahm, überaus beliebt und als unbeugsamer Kämpfer hoch angesehen gewesen; sein gewaltsamer Tod rief daher starke Erregung hervor. Zum Wunsch nach Vergeltung trat die Forderung nach Sicherungsmaßnahmen zum Schutz der Republik. Paris bereitete dem Toten am 15.Juli ein großartiges Begräbnis, dem der gesamte Konvent beiwohnte; sein Herz bewahrte das Klostergewölbe der Cordeliers. Als "Märtyrer der Freiheit" wurde Jean Paul Marat, der Volksfreund, zum größten unter den drei großen Sternen des revolutionären Pantheon.

Der Gegenstoß der Enragés

Hauptursache der Unzufriedenheit im Volk blieben die Versorgungsschwierigkeiten. Das Maximum vom 4.Mai war in der Praxis kaum zur Anwendung gekommen; der Konvent erkannte sein Scheitern an und erlaubte im Juli den Departements und den Abgeordneten in Mission, es nach Bedarf auszusetzen. Zwar litten die Pariser nicht unter Brotverteuerung, weil der Preis mit Regierungssubvention unverändert gehalten wurde. Da jedoch Nachschub unregelmäßig eintraf und die Reserven zur Neige gingen, stauten sich wieder murrende Schlangen vor den Bäckereien. Außerdem verteuerten sich die übrigen Lebensmittel, weil die Föderalistenrevolte die Zulieferungen, besonders von Vieh, zum Stocken brachte: Kalbfleisch war im Juni 1793 gegenüber dem Juni 1790 um 90 v. H., Rindfleisch um 136 v. H. teurer. Vielerorts führte das zu Aufläufen und Tumulten. Am 21. Juni wurde in St. Antoine ein Mann festgenommen, der brüllte: "Früher kostete die Seife zwölf. Sous, heute vierzig: Es lebe die Republik ! Der Zucker 20 Sous, heute vier Franken: Es lebe die Republik!"

Die Entwertung des Assignaten vertiefte die Auswirkungen der Versorgungskrise; im Juli war sein Kurs unter 30 Prozent des Nominalwerts gesunken, und daraus resultierende Kapitalflucht in die Schweiz, Spekulation und besonders Warenhortung kurbelten neue Preissteigerungen an. Die Enragés fanden darin Ursache genug, im Namen des notleidenden Volkes dem Konvent Unbeweglichkeit sowohl auf ökonomischem wie auf sozialem Gebiet vorzuwerfen. Sie hatten an den Sieg vom 2. Juni, der nicht zuletzt ihrem hervorragenden Einsatz bei der Niederringung der Gironde zu danken war, höhere Erwartungen geknüpft und waren der Ansicht, daß das Eisen geschmiedet werden müsse, solange es heiß sei. Am 8. Juni verlas Varlet vor der Commune seine Feierliche Erklärung der Rechte des Menschen im sozialen Staat: Es sollten "durch gerechte Maßnahmen das Mißverhältnis der Vermögen gebrochen" und
Reichtümer, die auf Kosten des Volksvermögens durch Diebstahl, Spekulation, Monopol und Hortung angehäuft wurden, zu Nationaleigentum erklärt werden.

Am fünfzehnten forderte Varlets Sektion Droits de l'Homme die durchgängige Festlegung von Höchstpreisen und ein Gesetz gegen die Hortung. Zur gleichen Zeit trat eine im Mai gegründete "Gesellschaft der revolutionären Republikanerinnen", in der sich Pauline Léon und die als Tuilerienstürmerin bekannte Schauspielerin Claire Lacombe auszeichneten, vor die Öffentlichkeit. Sie warfen nicht nur das von allen Revolutionsparteien vernachlässigte Thema der Gleichberechtigung der Frau schwungvoll in die Debatte, sondern beteiligten sich an der Seite der Sansculotten ebenfalls am allgemeinen Kampf um die Volksrechte, deren kompromißlose Vertretung eine ihrer Abordnungen der Commune zur Pflicht machte. Über den jungen Théophile Leclerc, der als Chaliers Kurier von Lyon gekommen, infolge des Umsturzes in der Rhônemetropole jedoch sodann in Paris verblieben war und sich zuerst mit Claire, danach mit Pauline angefreundet hatte, knüpften sie eine Verbindung zu den Enragés und begleiteten fortan deren Aktionen.

Auf eine höhere Stufe wurden diese durch Jaques Roux gehoben, dessen Ruf als aufrechter Volksmann über die Grenzen der Sektion Gravilliers hinausgedrungen war. Er wagte im Juni den Versuch, Kräfte zusammenzuführen, die ihr Hauptanliegen im Eintreten für die ungeschmälerten Rechte der armen und ärmsten unter den Sansculotten erblickten, die ihm auch in der "Jakobinerverfassung" nicht ausreichend gewährleistet schienen. Unterstützt von seinen Gravilliers, der Sektion Bonne Nouvelle und dem Klub der Cordeliers, verfaßte er eine Adresse, an deren Redaktion sich Varlet und Leclerc beteiligten. Da der argwöhnische Robespierre die Verschiebung seines Auftritts vom 23. auf den 25. Juni - nach Annahme der Verfassung also - erreichte, kam der im Ton eines Ultimatums gehaltene Antrag auf zwei Zusatzartikel beim Konvent als unerhörte Herausforderung an. Buchez hat sie das Manifest der Enragés genannt:

Habt ihr die Spekulation geächtet? Nein. Habt ihr die Todesstrafe für Schieber verhängt? Nein. Habt ihr bestimmt, worin die Freiheit des Handels besteht? Nein. Habt ihr den Handel mit Hartgeld verboten? Nein. Nun gut - wir erklären euch, daß ihr für das Glück des Volkes nicht alles getan habt. Die Freiheit ist nichts als leerer Wahn, wenn eine Menschenklasse die andere ungestraft aushungern kann. Die Gleichheit ist nichts als leerer Wahn, wenn der Reiche mit Hilfe des Monopols das Recht über Leben und Tod seines Mitmenschen ausübt. Die Republik ist nichts als leerer Wahn, wenn sich die Konterrevolution Tag für Tag durch den Preis der Lebensmittel vollzieht, den Dreiviertel der Bürger nicht bezahlen können, ohne Tränen zu vergießen ... Entscheidet also noch einmal. Die Sansculotten mit ihren Piken werden eure Dekrete zur Ausführung bringen.

Jacques Roux hatte nicht den parlamentarischen Führungsanspruch der Montagne angezweifelt, jedoch gewissermaßen das Mitbestimmungsrecht der Sansculotten außerhalb des Hauses als Bedingung für ihre Unterstützung unverblümt gestellt. Die wutschnaubende Versammlung verwies ihn des Saales. Damit wischte sie jedoch das Problem einer "Korrektur" der Regierungsmannschaft durch die Massen nicht vom Tisch. Tags darauf brachen "Seifenunruhen" in den Seinehäfen von Paris aus und zogen sich über drei Tage hin; Wäscherinnen entluden die Kähne und teilten das Reinigungsmittel nach von ihnen festgelegten - und natürlich niedrigen - Preisen unter sich auf. Die spontane Protestaktion bot keinen praktikablen Ausweg aus dem Engpaß, und die Enragés empfahlen sie nicht. Jedoch ging das einfache Volk als Schrittmacher darin voran, daß es die unwillige Montagne mit der Nase auf den Widerspruch zwischen ihren physiokratischen Gemeinplätzen und der augenblicklichen gesellschaftlichen Wirklichkeit stieß; es zwang sie, umzudenken und nachzuziehen.

Der zweite Wohlfahrtsausschuß

Die Enragés und andere sansculottische Vorkämpfer schlugen zur Verteidigung der Nation und der Revolution verschiedene Radikalmittel vor, die dem Ausmaß der Gefahr entsprachen. Der Konvent seinerseits wollte in jedem Fall vermeiden, daß unbedachte Maßnahmen die Patrioten unter den Bourgeois der Revolution, die sie bis dahin unterstützt hatten, entfremdeten. Es schien ihm immer notwendiger, eine Revolutionsregierung zu bilden, die die Volksbewegung in geordnete Bahnen lenken konnte. Der erste Wohlfahrtsausschuß hatte sich als hierzu unfähig erwiesen. Er hatte weder verstanden , die Invasion zurückzuschlagen noch der föderalistischen -Meuterei zuvorzukommen, weder das Assignatenproblem noch die Versorgungskrise zu lösen. Mehr im Schlepptau der Ereignisse denn sie beherrschend, hatte er zugelassen, daß sich die Lage verschlimmerte. Bei seiner routinemäßigen Erneuerung am 10. Juli wurde Danton deshalb ausgebootet.

Von den neuen Mitgliedern des umbesetzten Ausschusses schieden drei bald wieder aus: Gasparin, der für Custine eintrat; Hérault de Séchelles - Geliebter einer 'Ehemaligen' und auch ansonsten fragwürdig; Thuriot als Freund Dantons. Den Kern des "zweiten" Ausschusses bildeten Couthon, Saint-Just, Jeanbon Saint-André und Prieur (vom Departement Marne); Barère und Lindet, vom "Sumpf" gekommen, schlossen sich ihnen an. Sie alle waren überzeugt, daß die Revolution nur kraft des Volkes siegen konnte: Man mußte also dessen Forderungen befriedigen, die Städte - Opfer von Hunger und Teuerung - mit Lebensmitteln versorgen, alle Energien, die in den Massen steckten, gegen Aristokratie und Koalition richten.

Die Ermordung Marats, der das Verhängnis von Jakobinern und Sansculotten in seiner Person gleichsam vorgelebt und versinnbildlicht hatte, verhärtete die politischen Konturen. Um seine literarische Nachfolge stritt Hébert mit den Enragés. Jacques Roux beeilte sich, schon am 16. Juli eine Fortsetzung von Marats Zeitung Der Publizist der Französischen Republik herauszubringen; am 20. Juli erschien Leclercs Volksfreund. Am 21. wiederum versicherte Hébert im Jakobinerklub: "Wenn es eines Nachfolgers für Marat bedarf, wenn man ein zweites Opfer für die Aristokratie braucht, so ist es durchaus bereit: Ich bin es!" Ein von Demagogie nicht immer freies gegenseitige Überbieten machte sich in den Volksblättern breit, und eine Gruppe linker Jakobiner, aus der sich Hébert und Chaumette hervorhoben, übernahm auf eigene Rechnung Programmpunkte und Losungen der Enragés, um das Ohr des niederen Volkes nicht zu verlieren. Die einen wie die anderen griffen unnachsichtig "die Aristokratie des Großhandels, des Immobilienbesitzes und des Geldes ... " an.

Als der Mangel spürbarer wurde und Bäcker mangels an Mehl schlossen, führte die Sektion Maison Commune am 21. Juli als erste Lebensmittelkarten ein. Petitionen mehrten sich, und Ladenschlangen verloren die Geduld. "Schon zu lange leiden diese armen Teufel von Sansculotten und strecken die Zunge," schrieb Hébert in Nummer 263 des Père Duchesne, "und dabei haben sie die Revolution doch gemacht, um glücklich zu sein!"

Unter solchen Umständen entschloß sich der Konvent, ein Gesetz gegen den "Aufkauf" zu erlassen, das Billaud-Varennes Ausflucht aufgriff, die Abhilfe gegen den Mangel sei nicht der Höchstpreis, sondern die Bestrafung der accapareurs; die Angst vor der Guillotine würde sie zwingen, die Preise zu senken. Auf Antrag von Collot nahm der Konvent am 26. Juli ein Dekret an, das mit der Todesstrafe jene Kaufleute belegte, die ihre Vorräte an Waren des Massenbedarfs nicht deklarierten und deren Listen nicht an ihre Türen anschlügen. Das Gesetz konnte als bedeutendes Zugeständnis an das Programm der Enragés erscheinen - so jedenfalls nahm es Jacques Roux in Nummer 249 seiner Zeitung auf, zumal der Handel damit der Inspektion von Sektionskommissaren unterworfen wurde. Tatsächlich erfolgte die Anwendung des Gesetzes schleppend und lustlos - als symbolische Genugtuung, die man den Sansculotten erwies.

Der Wohlfahrtsausschuß wurde am 27.Juli ergänzt – und gestärkt - durch die Zuwahl Robespierres.

Noch war die Autorität des Ausschusses gegenüber dem Konvent alles andere als gefestigt. Das Gesetz vom 26. beispielsweise war vom letzteren angenommen worden, ohne ihn auch nur zu befragen. Eine stumme Opposition manifestierte sich in der Nationalversammlung gegen seine ersten Entscheidungen, besonders gegen die Verhaftung Custines in der Nacht zum 22. Juli; Robespierre hingegen hatte den Wohlfahrtsausschuß gegen seine Widersacher mit Erfolg unterstützt. Am 14. August wurden Carnot und Prieur (von Côte d'Or), und am 6. September Billaud-Varenne und Collot zugewählt. Verschieden nach ihrer Klassentendenz - Carnot und Lindet zur Bourgeoisie, Billaud und Collot zur Sanseulotterie neigend, verschieden auch nach Temperament, waren alle redliche, arbeitsame und Überzeugung ausstrahlende Männer. Verbunden durch den Willen zu siegen, verstanden sie es, ein Jahr lang - bis zur durchgefochtenen Entscheidungsschlacht - einig zu bleiben. Das war der "Große Wohlfahrtsausschuß des Jahres II".

Robespierre setzte infolge seines hohen Ansehens unter allen Revolutionären die politische Linie des Wohlfahrtsausschusses in Konvent und Jakobinerklub durch. Klarsichtig und mutig - er hatte es durch seinen Alleingang gegen die "Kriegspartei" bewiesen, ein Redner von zwingender Logik, dazu uneigennützig, besaß der "Unbestechliche" das Vertrauen der Sansculotten. Im Grundsätzlichen fest, wußte er sich Umständen anzupassen und staatsmännisch zu lavieren. Er legte alle revolutionäre Autorität in den Konvent als die Verkörperung der souveränen Nation; um jedoch leistungsfähig zu sein, mußte sich die Regierung auch unmittelbar auf die Massen stützen und mit ihnen eng verbunden bleiben. Während der Erhebung vom 31. Mai bis 2. Juni hatte Robespierre in sein Tagebuch eingetragen:

Ein einziger Wille tut not ... Die inneren Gefahren kommen von den Bourgeois; um die Bourgeois zu besiegen, muß man das Volk zusammenschließen ... Das Volk muß sich dem Konvent verbünden, und der Konvent muß sich des Volkes bedienen.

Vom 13. bis 21. Juli las Robespierre dem Konvent aus Lepeletiers Plan für eine Nationalerziehung:

Die Revolutionen der letzten drei Jahre haben für die anderen Klassen der Bürger alles getan, jedoch noch fast nichts für die vielleicht bedürftigste, für die proletarischen Bürger, deren einziges Eigentum in ihrer Arbeit besteht. Die Feudalität ist zerstört. aber nicht für sie. Denn sie besitzen nichts auf der befreiten Scholle. Die Steuern sind gerechter verteilt. Indessen waren sie - eben infolge ihrer Armut - für eine Besteuerung ohnehin fast unerreichbar. Die bürgerliche Gleichheit ist hergestellt, aber Bildung und Erziehung fehlen ihnen. Hier liegt die Revolution der Armen ...

Überblickten Robespierre und die anderen Männer des Wohlfahrtsausschusses die Lage klaren Auges, so waren sie weniger sicher über die unmittelbar zu fassenden Entschlüsse zur Verteidigung der revolutionären Nation. Diese rang ihnen erst die Bewegung der Volksmassen im August und September ab.

Die Augustbewegung

Anfang August nahm Robespierre den Kampf gegen die Enragés auf, um Regierung und Konvent von der Kritik ungebärdiger Störenfriede zu befreien. Am fünften beschuldigte er im Jakobinerklub die "neuen Männer" und "Eintagspatrioten", es darauf anzulegen, das Vertrauen des Völkes in seine ältesten Freunde zu erschüttern. "Zwei von den Feinden des Volkes besoldete Männer," erklärte er - und dies schwerlich in gutem Glauben, "zwei Männer, die Marat zur Anzeige gebracht hat, haben die Nachfolge dieses patriotischen Schriftstellers angetreten oder glaubten es jedenfalls." Robespierre machte Jacques Roux und Leclerc namentlich ihre Attacken gegen die Kaufleute zum Vorwurf; gleichzeitig befaßte sich der Wohlfahrtsausschuß, um die Beweisführung der Enragés durch Taten zu widerlegen, energisch mit der Versorgung und entsandte in die umliegenden Departements Volksvertreter, die zielstrebig Arbeitskräfte requirierten und für den unverzüglichen Drusch des Getreides sorgten. Am 9. August dekretierte der Konvent die Einrichtung eines "Überflußspeichers", d.h. Vorratshaltung durch die öffentliche Hand in jedem Distrikt: Ein Fassadenzugeständnis insofern, als der Aufkauf des Getreides durch die Distrikte die Teuerung nicht aufhalten konnte. Er reichte jedoch aus, Paris ausreichend mit Mehl zu versorgen; damit gingen die Enragés in der Tat für den Augenblick ihres Hauptarguments bei den Sansculotten der Hauptstadt verlustig und büßten Anhänger ein.

Den Gemäßigten, die verlangten, die Verfassung in Kraft zu setzen und die danach fälligen Neuwahlen auszuschreiben, von denen sie eine Niederlage der Bergpartei erhofften, trat Robespierre mit großer Entschlossenheit entgegen. Am selben 11. August, an dem Abordnungen der Urwählerversammlung dem Konvent die "geheiligte Urkunde" der vom Volk bestätigten Verfassung überbrachten, drückte Delacroix (von Eure-et-Loire), einer der künftigen "Nachsichtigen", ein Dekret über eine Volkszählung der Wahlfähigen in Erwartung allgemeiner Wahlen Jaut Verfassung" durch. Robespierre jedoch parierte, daß dieser heimtückische Vorschlag nur darauf abziele, den gesäuberten Konvent durch "Abgesandte Pitts und Coburgs" zu ersetzen. Die Verfassungsbestimmungen vor der Niederschlagung der Revolten im Inneren und dem Sieg an den Grenzen anzuwenden, hieße die ganze Revolution wieder in Frage stellen.

Die erhobene Forderung war um so gefährlicher, als ihre Urheber damit geschickt in ein wahres Wespennest stachen. Die Pariser Sektionen befanden sich infolge der ungewissen Versorgung in Gärung und griffen Maire Pache an, der ihnen ungenügenden Einblick in die angespannte Vorratslage gewährte. Es kam zu einer Vertrauenskrise, in der sich die Mitglieder der Commune entzweiten, was sich die Reaktion zunutze machte, um erstmalig "von unten", unter "populären" Losungen gegen die Montagne Sturm zu laufen, sich in einigen Sektionen der Führung der "Augustbewegung" zu bemächtigen und in die Kritik am städtischen Versorgungsamt die Frage "nach dem Verbleib der Demokratie" einzuschleusen. Wie sich die Fäden der Agitation verwirrten, zeigt die Schwenkung Héberts, in dessen Père Duchesne der Ruf nach Wahlen schon in Nr. 269 - kurz vor dem 10. August - Unterstützung fand: Vielleicht in der zweifellos begründbaren Hoffnung, für sich in Paris, wo er wohlgelitten war, gegebenenfalls einen Sitz zu erobern; vielleicht auch, um den Konvent, der die Warnung nicht überhören konnte, zu einer schärferen Gangart zu treiben.

Die levée en masse

Der Gedanke an eine allgemeine Volksbewaffnung kam von unten und entsprach der revolutionären Mentalität der Sansculotterie. Sie erhoffte sich vom zahlenmäßigen Übergewicht ihrer Armeen einen baldigen Sieg über die Koalition. Als sich zu den Angriffen an der Front die Föderalistenrevolte gesellte, nahm die Vorstellung Gestalt an, und am 6. Juli schlug die Sektion Luxembourg vor, massiert gegen die aufrührerischen Departements zu marschieren: "Alle Bürger zwischen 16 und 50 Jahren mögen ohne Unterschied in Permanenz eingezogen werden und die Streitkräfte bilden." Am 28. Juli griff Sébastien Lacroix aus der Sektion Unité den Vorschlag in einer Rede auf, die schon die Epik des Dekrets vom 23. August durchweht:

... unverzüglich die Einzelarbeiten aller Wagner, Tischler und Holzbearbeiter einzustellen, um sie mit der Herstellung von Gewehrgriffen, Lafetten, Munitions-, Proviant- und Leiterwagen zu beschäftigen; einzustellen die Arbeiten der Schlosser, Hufschmiede, Scharschmiede und aller Eisenbearbeiter, um sie ausschließlich der Geschützproduktion zuzuführen. Die Freunde des Vaterlandes mögen sich bewaffnen, zahlreiche Bataillonne bilden; die keine Waffen haben, sollen für den Munitionstransport sorgen, die Frauen Lebensmittel befördern oder Brot kneten. Das Signal zum Kampf sei durch den Gesang des Vaterlandes gegeben!

Die militärischen Rückschläge Ende Juli gaben der jetzt durch die Volkspresse orchestrierten Idee ihre Durchschlagskraft. "Man ziehe alle marschfähigen Männer, die Waffen tragen können, gleichzeitig ein," ' schrieb Hébert in Nummer 265 des Père Duchesne, "und man eile von allen Seiten dorthin, wo Gefahr sein wird!" Die Forderung nach dem allgemeinen Aufgebot wurde am 29. Juli dem Jakobinerklub unterbreitet, am 4. August von der Commune und am siebenten von den in Paris zwecks Annahme der Verfassung versammelten Delegierten der Wählerversammlungen aufgegriffen. Deren Sprecher Royer trug sie am zwölften dem Konvent vor. Der Wohlfahrtsausschuß zeigte sich reserviert. Was mit dem Menschenhaufen machen, der sich daraus ergeben würde? Wie ihn bewaffnen, verpflegen? Noch am vierzehnten erklärte Robespierre, daß "diese großmütige, aber vielleicht schwärmerische Idee eines Volksaufgebotes" nutzlos sei, und fügte hinzu: "Es fehlt uns nicht an Menschen, sondern vielmehr an patriotischen Tugenden bei unseren Generälen." Erst unter dem Druck des Pariser Volkes und von Abordnungen der Urwähler stimmte der Konvent am 16. August im Prinzip für eine levée en masse, und am 23. schließlich entschied sich der Wohlfahrtsausschuß, Maßnahmen zu ihrer Durchführung vorzuschlagen:

Von diesem Augenblick an bis zu dem Zeitpunkt, wo die Feinde vom Boden der Republik vertrieben sein werden, unterliegen alle Franzosen der Wehrpflicht. Die Jungmannschaft wird in den Kampf ziehen. Die Verheirateten werden Waffen schmieden und den Nachschub für die Truppe besorgen. Die Frauen werden Zelte und Bekleidung anfertigen, in den Hospitälern dienen, die Kinder aus alter Wäsche Scharpie zupfen. Die Greise werden sich auf öffentliche Plätze tragen lassen, um den Mut der Krieger zu entflammen, den Haß auf die Könige und die Einheit der Republik zu verkünden.

Das Recht auf Stellung eines Ersatzmannes wurde beseitigt. Die Aushebung war grundsätzlich allgemein, jedoch bildeten Ledige und kinderlose Witwer von 18 bis 25 Jahren, zu Bataillonen geformt, die erste Klasse des Aufgebots. Entsprach das Dekret genau den Wünschen der Sansculotten? So, wie sie sich seine Verwirklichung vorstellten - als begeisterten Massensturm an die Grenzen, ging es gewißlich nicht: deshalb die Zurückhaltung Robespierres, das Zögern des Konvents und der praktische Verzicht auf ein zweites Aufgebot. Der Père Duchesne, der seinen Feldzugsplan Anfang September darlegte, fragte sieh: Wie gleichzeitig mehrere Millionen Männer marschieren lassen und versorgen? Und antwortete: "... vor allem, indem man sich aller Versorgungsquellen der Republik bemächtigt. Man muß alle Metallarbeiter vom Hufschmied bis zum Juwelier requirieren, auf allen öffentlichen Plätzen Schmieden errichten, Tag und Nacht Kanonen herstellen, Gewehre, Säbel und Bajonette."

Hébert erkannte das Problem der ökonomischen Leitung eines solchen nationalen Krieges: Um die Masse, die eine gleichzeitige Mobilmachung von sieben Jahrgängen ergab, auszurüsten und zu verpflegen, war Wirtschaftslenkung einfach unumgänglich. Das politisch-ökonomische System verzahnte sich somit unentrinnbar mit den Bedürfnissen der nationalen Verteidigung.

Die letzte Journée

Ende August war noch keine der großen Aufgaben der Stunde gelöst. Die politische stand noch zur Gänze: Der Wohlfahrtsausschuß war den Angriffen seiner Gegner ausgewichen, jedoch blieb die Revolutionsregierung von Stabilisierung und Durchorganisierung weit entfernt. Die sozialökonomische Frage fand keinerlei befriedigende Antwort: Das Gesetz gegen die Hortung, die konzipierten "Überflußspeicher" mochten allenfalls vorübergehende Abhilfe schaffen. Zwangspreise und Reglementierung hatten Konvent wie Wohlfahrtsausschuß bisher verweigert, wovon wiederum das Schicksal der Assignaten abhing, des finanziellen Rückgrats der Revolution. In den letzten Augusttagen machte sich der Versorgungsengpaß in Paris noch einmal bemerkbar und erhöhte den Angriffsgeist der sansculottischen Vorkämpfer. Es schien sich ihnen die Notwendigkeit einer neuen Journée aufzudrängen, um der Regierung die Wünsche des Volkes einzuhämmern.
Der Lebensmittelmangel, für den Augenblick behoben, brach wieder aus nach einer Trockenperiode, die eine Verlangsamung der Vermahlung des Getreides durch die Wassermühlen im Gefolge hatte. Es gelangten nur etwa 400 Sack Mehl täglich nach Paris bei einem Verbrauch. von rund 1500. Hébert stellte diese Verknappung sogleich in den Mittelpunkt einer Kampagne gegen das Gebaren der großen Geschäftsleute, womit er sicher ging, bei den .Sansculotten Anklang zu finden.

Das Vaterland, verdammt noch mal, - war in Nummer 279 des Père Duchesne zu lesen - die Großkaufleute haben keins. Solange sie glaubten, daß ihnen die Revolution von Nutzen sei, waren sie mit von der Partie. Sie haben den Sansculotten die Hand gereicht, um Adel und Parlements zu vernichten. Das war aber, um sich selber an die Stelle der Aristokraten zu setzen. Seit es nun keine Aktivbürger mehr gibt, seit der ärmste Sansculotte über die gleichen Rechte verfügt wie der reichste Steuereinnehmer, haben alle diese Scheißkerle ihre Kittel gewendet und setzen Gott und die Welt in Bewegung, um die Republik zu zerstören. Sie haben alle Nahrungsmittel, alle Bedarfsgüter gehortet, um sie uns zum Gewicht des Goldes zurückzuverkaufen oder uns die Hungersnot zu bringen.

Anfang September entfaltete die Volksbewegung noch einmal ihre ganze Kraft und Ursprünglichkeit, 'hébertistisch' wurde sie von Mathiez und Anderen genannt. Zweifellos haben populäre Zeitungen, jedoch diejenigen von Roux und Leclerc nicht anders als der Père Duchesne, den Sansculotten geholfen, ihr politisches Bewußtsein zu hoben und ihre sozialen Forderungen genauer zu fassen. Sie sind indessen nicht deren Wurzel. Hébert schrieb unter dem wachsenden Druck der Massen in den Sektionen und fing ihr Echo ein; unter ihrem Druck setzte sieh die Commune in Marsch, nahm sich der Jakobinerklub der Sache an, gaben Konvent und Wohlfahrtsausschuß schließlich bei.

Die Volksbewegung, deren Primärursachen in der Verschlechterung der materiellen Lebensbedingungen der Handwerker und Arbeiter von Paris lange vor 1789 zu suchen sind, hatte sich seit Beginn der Revolution kundgetan. Sie erlaubte es der Bourgeoisie, in den revolutionären Schlachten den Sieg davonzutragen; dennoch blieb sie vom Bürgertum unterschieden, und ganz besonders im kritischen Sommer 1793. Ihre Vorstellungswelt ähnelte jener der ärmeren Bauern, die gegenüber dem Vorrücken einer kapitalistischen Landwirtschaft ihre herkömmliche Dorfgemeinschaftt zäh verteidigten. Der typische Sanseulotte war ausgefüllt von Feindschaft gegenüber dem "Konkurrenzgeist" der Handels- und Industriebourgeoisie, die nicht ruhen und rasten wollte, ehe sie nicht im Namen der für ihren Gewinn unentbehrlichen individuellen Unternehmerfreiheit Reglementierung und "Taxierung", die dem kleinen Warenproduzenten und den von ihm Abhängigen als Existenzschutz teuer waren, zur Strecke gebracht hatte.

Die Idee, die sie sich vorn Eigentum machten, erklärt den Grund der Kontroverse zwischen Bourgeois und Sanseulotte. Nach den "Menschenrechten" von 1789 wie von 1793 war Eigentum ein durch nichts beschränktes, absolutes Naturrecht. Für den Sansculotten gründete es sich nur auf persönliche Arbeit und fand an den Bedürfnissen "aller" seine Grenzen. Am 2. September 1793, als die Massenbewegung ihrem Höhepunkt zueilte, verfaßte die - vielleicht von Marchant inspirierte - Sektion Sans-Culottes (davor Jardin des Plantes genannt) eine Petition, worin sie den Konvent aufforderte, sich nicht an das zu erwartende Geschrei über Heiligkeit und Unverletzlichkeit des Eigentums zu stören, das immerhin dort aufhöre, ein Recht zu sein, wo es dem Nächsten Schaden zufüge, und zu dekretieren, daß

... alle Bedarfsgüter unveränderlich auf die Preise der sogenannten "früheren Jahre" 17891790 zurückzuführen ,sind; ebenso die Rohstoffpreise, damit Profite aus gewerblicher Tätigkeit, Arbeitslöhne und Handelsgewinne, die das Gesetz regulieren wird, den Gewerbetätigen, den Bauer, den Kaufmann in die Lage setzen, sich nicht nur die Dinge zu beschaffen, die er zum Leben braucht, sondern auch all das, was es ihm angenehm machen kann.

Dazu schlug die Sektion konkret vor,
... eine Vermögenshöchstgrenze festzusetzen; ... niemand darf mehr Land pachten, als für eine festgesetzte Anzahl von Pflügen gebraucht wird, und niemand mehr als eine Werkstatt oder einen Laden besitzen.

Ein solches Sozialprogramm, voller Inkonsequenzen infolge seines Wunsches, das Privateigentum aufrechtzuerhalten und trotzdem seine nachteiligen Auswirkungen zu beschränken, stand in einem unüberbrückbaren Wider spruch zu den Klasseninteressen der Bourgeoisie. An ihm wird die Revolutionsregierung früher oder später zu grunde gehen; für den " Augenblick jedoch kitteten der gemeinsame Haß auf das Ancien régime, auf das Privileg, auf die Feudalaristokratie und die Größe der konterrevolutionären Gefahr das von den Jakobinern formulierte und beschworene Bündnis zwischen Sansculotterie und montagnardischer Bourgeoisie. Da der Berg nicht allein siegen konnte, jedoch siegen wollte, mußte er sich an das Programm des Volkes anschließen.

Die Krise schürzte sich Anfang September. Während Hébert den "Einschläferern" des Konvents eine Standpauke hielt, kam es zu erregten Auftritten in Sektionen und Volksgesellschaften; ihre geharnischten Petitionen mehrten sich. In diesen Strudel platzte die Hiobsbotschaft von der verräterischen Übergabe Toulons an die Engländer. Zum Brotmangel und der Unzufriedenheit mit der Langmut der Nationalversammlung gesellte sich patriotische Besorgnis vor abermaliger Ausbreitung des"aristokratischen Komplotts". Nichts war geeigneter, das Begehren nach der Einführung härterer Abschreckungsmaßnahmen zu beleben. Am 2. September abends entschlossen sich die Jakobiner, um das Steuer der Bewegung in der Hand zu behalten, zur Unterstützung einer Massenaktion.

Am vierten brach der aufgespeicherte Groll des Volkes von Paris durch. Seit dem Morgen kam es zu Ansammlungen besonders von Bau- und Rüstungsarbeitern, die sich zum Grève-Platz bewegten, um von der Commune Brot zu verlangen. Der Arbeiterursprung dieser Journée ist unbestreitbar. Sie ging aus den am meisten proletarisierten Schichten der Sansculotterie hervor, die weder einen Laden noch eine Werkstatt besaßen und am schlechtesten daran waren, weil sie allein von ihrem in Assignaten empfangenen Lohn, der sich ständig entwertete, leben mußten. Umsonst versuchten die Führer der Commune zunächst die Demonstranten etwas zu beruhigen. "Wir brauchen keine Versprechungen, wir brauchen Brot!" schlug es ihnen entgegen. Chaumette nahm daraufhin eine Kurskorrektur vor:

Auch ich bin arm gewesen und weiß infolgedessen, was Armut heißt. Dies hier ist der offene Krieg der Reichen gegen die Armen. Sie wollen uns vernichten. Nun gut, man muß ihnen zuvorkommen: Vernichten wir sie selbst! In unseren Händen liegt die Macht!

Eine Massenkundgebung wurde für den nachfolgenden Tag beschlossen, um dem Konvent die Wünsche des Volkes zu diktieren.

Am 5. September vereinigten sich die Sektionen zu einem langen Umzug und marschierten zur Nationalversammlung unter den Losungen: Krieg den Tyrannen, Krieg den Aristokraten, Krieg den Schiebern! Der Konvent wurde friedlich besetzt und überflutet. Die Abgeordneten berieten unter den Augen des Volkes; sie ließen sich, wie Karl Marx sagt, "eine Lektion gefallen". Nachdem Pache namens der Commune und der Sektionen den Eigennutz der Besitzenden gebrandmarkt hatte, verlas Chaumette eine Petition, in der die Schaffung einer Revolutionsarmee gefordert wurde, die die Requirierung des Getreides auf dem Lande und seinen Transport nach Paris sicherstellen sollte. Billaud überbot ihn durch den Vorschlag, Verdächtige festzunehmen, eine der Hauptforderungen der Sansculotten. Ohne die Ansicht des Wohlfahrtsausschusses einzuholen, lenkte der Konvent ein und dekretierte nicht nur die angemahnten Verhaftungen, sondern darüber hinaus eine Säuberung der Revolutionskomitees, in deren Kompetenz sie fielen. Ein weiteres Dekret wurde über die Aufstellung einer Pariser Revolutionsarmee von 6000 Mann zu Fuß und 1200 Kanonieren erlassen. Schließlich nahm der Konvent einen Antrag Dantons an: Jeder an Sektionsversammlungen teilnehmende Bürger sollte, falls ihrer bedürftig, eine Entschädigung für Verdienstausfall in Höhe von zwei Livres erhalten; andererseits wurde die Permanenz der Sektionsversammlungen für beendet erklärt und die Zahl der Sitzungen auf wöchentlich zwei begrenzt.

Die Kampftage vom 4. und 5. September endeten mit einem Sieg des demonstrierenden Volkes. Die Sansculotten zwangen die Regierungsbehörden zu Maßnahmen, die sie seit langem eingefordert hatten. Jedoch blieb es ein un vollständiger Sieg; die Beschlüsse vom fünften waren vor allem politischer Natur. Der Konvent hatte sich begnügt, die Erfüllung des eigentlichen Hauptanliegens der Massen, ein allgemeines Maximum, vage zu versprechen. So sehr scheute sogar die montagnardische Bourgeoisie davor zurück, die Spielregeln der freien Marktwirtschaft zu verletzen. Es war ein Sieg des Volkes, der gleichzeitig auf einen Erfolg der jakobinischen Strategie hinauslief: Der Rechtsboden war gewahrt worden, und der Wohlfahrtsausschuß hatte standgehalten. Er hatte es verstanden, im Zusammenwirken mit dem Jakobinerklub rechtzeitig und auf einem von ihm selbst gewählten Terrain der Auseinandersetzung nachzugeben. Seine Autorität ging aus der Belastungsprobe nicht geschwächt, sondern gestärkt hervor.